Pressemitteilung | Original (englisch): here | 20. November 2025
Die tschadischen Behörden haben es versäumt, die Opfer bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Hirt*innen und Bäuer*innen zu schützen und ihr Recht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu gewährleisten, so Amnesty International in einem neuen Bericht.
“Live off the land and die for it: Human rights violations in conflicts between herders and farmers in Chad” dokumentiert sieben Episoden von Gewalt zwischen Hirt*innen und Bäuer*innen – unter anderem ausgelöst durch den Klimawandel – in vier Provinzen zwischen 2022 und 2024, bei denen 98 Menschen ums Leben kamen, mehr als 100 verletzt wurden und Hunderte von Familien ihr Zuhause oder ihre Einkommensquelle verloren. Insgesamt gibt es laut Daten der Vereinten Nationen aus den letzten Jahren Tausende von Opfern dieser Zusammenstöße.
„Angesichts der wiederkehrenden Gewalt zwischen Hirt*innen und Bäuer*innen versäumen es die Behörden, die Bevölkerung angemessen zu schützen. Die Sicherheitskräfte reagieren oft zu spät, und diejenigen, die des Mordes, der Plünderung und der Zerstörung von Eigentum verdächtigt werden, werden selten vor Gericht gestellt, was das Gefühl der Straflosigkeit und Marginalisierung innerhalb der Gemeinschaften schürt“, sagte Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International.
Tödliche Gewalt inmitten des Klimawandels
Am 26. August 2019 eskalierte im Dorf Sandana in Moyen-Chari ein Konflikt, der mit dem Eindringen von Rindern auf ein Feld begann: Sieben Menschen wurden getötet, acht verletzt und mehr als 140 Rinder gestohlen. Am 9. Februar 2022 forderte ein weiterer Angriff in demselben Dorf 13 Todesopfer.
In dem Bericht werden mehrere weniger bekannte Angriffe dokumentiert, darunter in Pala Koudja im Logone Occidental. Am 30. August 2024 löste das wiederholte Eindringen einer Herde in ein Feld eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Hirt*innen und Bäuer*innen aus, bei der drei Menschen starben und sieben verletzt wurden. In der Nacht setzten Unbekannte 53 Häuser in Brand.
Die Spannungen zwischen Hirt*innen und Bäuer*innen werden durch den demografischen Druck, die Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels, insbesondere auf die Wanderungen der Herden, und den Wettbewerb um den Zugang zu natürlichen Ressourcen verschärft. Die steigenden Temperaturen im Zentrum des Landes haben viele Hirt*innen dazu veranlasst, weiter nach Süden zu ziehen, um dort zu weiden, oder sich in den südlichen Provinzen niederzulassen, während gleichzeitig die Bäuer*innen versuchen, ihre Produktion auszuweiten und zu diversifizieren.
Auseinandersetzungen werden oft durch Vorfälle wie das Zertrampeln von Feldern durch Vieh oder das Blockieren von Viehkorridoren durch Feldfrüchte ausgelöst und können ganze Gemeinden betreffen.
„Wir haben die Leichen aus Protest auf die Straße gelegt“
Die Behörden haben Schwierigkeiten, schnell zu reagieren, um die Bevölkerung zu schützen, obwohl sie zuvor von den Gemeinden vor eskalierenden Konflikten gewarnt worden waren und das Budget des Ministeriums für öffentliche Sicherheit seit 2022 erhöht worden war. Der im Mai 2023 amtierende Minister bestätigte, dass es „Verzögerungen bei der Reaktion auf Angriffe auf Dörfer“ gegeben habe.
Ein Gemeindevorsteher aus einem Dorf in Logone Oriental sagte: „Seit 2014 haben wir ein Problem mit Hirt*innen, und ich habe dies dem*der Kantonsvorsteher*in und dem*der Unterpräfekt*in [lokale Regierungsbeamt*innen] gemeldet, aber es kam keine Reaktion. Im Jahr 2023 wurden wir von einer Gruppe bewaffneter Personen angegriffen. Dabei wurden 18 Menschen getötet und 11 verletzt. Wir waren wütend und legten die Leichen aus Protest auf die Straße.“
Trotz der von den Behörden eingerichteten Mechanismen zur Konfliktprävention und -bewältigung schränken deren mangelnde Koordination und strukturelle Ineffizienz ihre Fähigkeit zur Prävention und Lösung von Konflikten ein. Darüber hinaus deuten Zeug*innenaussagen darauf hin, dass bestimmte lokale Verwaltungsbeamte ihr privates Vieh bewaffneten Hirt*innen anvertrauen. Diese Regelung beeinträchtigt die administrative Neutralität und begünstigt Missbräuche.

Strukturelle Maßnahmen dringend erforderlich
Obwohl mehrere Fälle von Gewalt zwischen Hirten und Bauern zu Gerichtsverfahren geführt haben, bleibt Straflosigkeit ein prägendes Merkmal dieser Fälle. Von den sieben in dem Bericht dokumentierten Wellen von Zusammenstößen haben nur drei zu Gerichtsverfahren geführt. Im Anschluss an diese Verfahren wurden 37 Personen verurteilt.
„Gemäß regionalen und internationalen Menschenrechtsgesetzen und -standards ist der tschadische Staat verpflichtet, die Sicherheit aller Menschen im Land zu gewährleisten, Verbrechen zu untersuchen, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen und sicherzustellen, dass die Opfer dieser Verbrechen wirksamen Zugang zu den Gerichten haben“, sagte Agnès Callamard.
„Die Auswirkungen des Klimawandels werden nur zu weiteren Konflikten zwischen Hirt*innen und Bäuer*innen führen. Umso dringlicher ist es, strukturelle, nachhaltige Lösungen auf der Grundlage der Menschenrechte zu finden. Dazu müssen die Präsenz der Strafverfolgungsbehörden verstärkt, eine proaktive Entwaffnungspolitik umgesetzt, ein kohärenter Rechtsrahmen für die Transhumanz geschaffen, gemeinsame Konfliktverhütungsausschüsse wiederbelebt und ein nationaler Plan zur Anpassung an den Klimawandel umgesetzt werden.“
Hintergrund
Dieser Bericht basiert auf Recherchen, die zwischen März 2023 und September 2025 in 14 Dörfern in vier Provinzen im Süden des Tschad durchgeführt wurden. Amnesty International befragte 110 Personen, darunter 70 Opfer und/oder Zeugen des Konflikts. Die Ergebnisse des Berichts wurden den tschadischen Behörden am 25. Juni 2025 übermittelt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte Amnesty International noch keine Antwort erhalten.
