Die Klimakrise in Madagaskar ist eine Menschenrechts- und Kinderrechtskrise

HINTERGRUNDTEXT MADAGASKARBERICHT & KINDERRECHTE


 

Der Süden Madagaskars, „Le Grand Sud“, erlebt zurzeit die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Über 1 Millionen Menschen erleben oder stehen vor einer immensen Hungersnot. Die meisten Menschen in dieser Region sind auf die Subsistenzlandwirtschaft und Fischerei angewiesen und daher durch Naturkatastrophen und Dürren besonders gefährdet. 91% leben unter der Armutsgrenze in einem Land, das zu den ärmsten Staaten der Welt zählt. Daher fehlen ihnen auch die Möglichkeiten, sich an die Folgen der Erderwärmung anzupassen.[1]

Madagaskar gehört laut Global Climate Risk Index zu den durch die Erderwärmung am meisten betroffenen Ländern. Durch seine geographische Lage auch bisher schon Tropenstürmen, Starkregen und Dürren ausgesetzt, verschlechtern sich die Bedingungen seit 40 Jahren: Niederschläge sanken seit 1963 stetig und blieben in den vergangenen 5 Jahren vollständig aus, während die Temperaturen stetig ansteigen. Wissenschaftliche Daten schreiben diese Entwicklung der menschengemachten, durch die globalen Treibhausgas-Emissionen verursachten Klimakrise zu. Anders als die Industriestaaten hat Madagaskar zu dieser Entwicklung kaum etwas beigetragen. Die UN spricht daher von „climate change famine“, von einer durch den Klimawandel verursachten Hungersnot.

Die Klimakrise bedroht die Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sowie den völkerrechtlich verbindlichen UN-Pakten (UN-Zivilpakt und UN-Sozialpakt) von 1966 formuliert wurden. Die Menschenrechte auf Leben, auf Ernährung, auf Zugang zu sauberem Wasser, auf Sanitärversorgung, einen angemessenen Lebensstandard, auf Wohnen und auf Gesundheit werden durch die Auswirkungen der Erderwärmung bedroht, ebenso wie das Recht auf Selbstbestimmung und weitere Rechte. 2021 verabschiedete der UN-Menschenrechtsrat zudem eine Resolution, die auch das Recht auf eine gesunde Umwelt als grundlegendes Menschenrecht anerkennt.

Kinder sind von der Dürre besonders betroffen

Kinder und ihre Rechte sind von der Klimakrise besonders betroffen, dies ist auch der Fall in Madagaskar. Die unmittelbaren Folgen der Dürre in Madagaskar in Form von Mangelernährung, fehlendem oder verschlechtertem Zugang zu Wasser und gesundheitlicher Versorgung treffen Kinder deutlich härter als erwachsene Personen, häufig mit lebenslangen negativen Folgen für die körperliche und seelische Entwicklung. Im Jahr 2020 benötigten über 27.000 Kinder in der betroffenen Region lebensrettende Maßnahmen, viele Kinder sind verstorben. Insbesondere unter Kleinkindern wird eine erhöhte Sterblichkeit verzeichnet.

Schädliche Umweltbedingungen, die Notwendigkeit der Anpassung an veränderte Klimabedingungen und die geringere Widerstandsfähigkeit der kindlichen Körper belasten ihre gesunde Entwicklung. Dies gilt um so mehr für Kleinkinder, Kinder mit Behinderungen, Kinder in Armut oder Kinder auf der Flucht.

Die Dürre hat auch negative Auswirkungen auf altersspezifische Rechte der Kinder, wie das Recht auf Bildung. In der betroffenen Region haben schätzungsweise bis zu 75 % der Kinder und Jugendlichen den Schulbesuch eingestellt. Ursachen hierfür sind Verschlechterungen der wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Situation sowie krisenbedingte Migration in andere Landesteile. Die betroffenen Kinder drohen in eine Armutsspirale abzurutschen.

Die Situation in Madagaskar macht deutlich, dass es notwendig ist, den Blick auf die Klimakrise aus Kinderrechtsperspektive zu schärfen. Kinder haben am wenigsten zur Klimakrise beigetragen. Aber sie tragen schon heute deren Hauptlast und werden in Madagaskar nicht nur um ihre Zukunft, sondern auch um ihre Gegenwart beraubt. Die Klimakrise bedroht die in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 niedergelegten Rechte. Das UN-Kinderrechtskomitee hat die Klimakrise bereits als Kinderrechtskrise anerkannt.

Betroffenheit von Frauen und Mädchen durch die Dürre

Zwar unterscheiden Extremwetterereignisse nicht zwischen den Geschlechtern – doch zeigt sich auch in Madagaskar, dass Frauen und Mädchen besonders hart von den Folgen der Klimakrise getroffen werden. Denn die Dürre ereignet sich nicht in einem sozialen Vakuum, sondern trifft auf bestehende strukturelle Ungleichheiten. So befinden sich Frauen und Mädchen oft in der Rolle, zuständig für das Wasser-Holen, die Kinder-erziehung und die Ernährung der Familie zu sein. Aufgrund der Dürre werden die Wege zu Wasserquellen immer weiter, sodass Frauen ihre Gesundheit und Sicherheit beim Zurücklegen der stundenlangen Strecken gefährden. Zugleich wird in Krisenzeiten eine Zunahme von geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt verzeichnet.

Die Folgen der Dürre sind für Frauen und Mädchen besonders vielfältig und hart. Neben direkten Auswirkungen der Hungersnot entbinden Frauen, laut Angaben einer Beschäftigten im Gesundheitswesen, seltener in Gesundheitszentren, da sie Angst vor Viehdiebstählen während ihrer Abwesenheit haben. Für Mädchen besteht aufgrund der sich verschlimmernden Armut in der Dürre ein erhöhtes Risiko, minderjährig verheiratet zu werden, um das fehlende Haushaltseinkommen zu kompensieren.

Verantwortung der internationalen Gemeinschaft

Die Folgen der Erderwärmung verursachen Hungersnot und Tod in Regionen Madagaskars und in weiteren Ländern Ostafrikas. Die internationale Gemeinschaft ist zur Hilfe aufgerufen. Dabei stehen vor allem die Industrieländer in Verantwortung. Neben humanitärer Hilfe müssen sie ihre Treibhausgasemissionen sofort reduzieren, um das 1,5°-Ziel zu erreichen, wie der Weltklimarat ausführt. Klimaanpassungsmaßnahmen müssen vereinbarungsgemäß mitfinanziert werden und die Landesregierung Madagaskars muss dabei unterstützt werden, Maßnahmen zur Abmilderung der Schäden zu ergreifen. Auf internationaler Ebene ist es dringend notwendig, dass effektive Finanzierungsmechanismen zum Umgang mit Verlusten und Schäden beschlossen werden.

 

Für mehr Informationen siehe: Madagascar: It will be too late to help us once we are dead: The human rights impact of climate change in drought-stricken southern Madagascar. Index number: AFR 35/4874/2021

 


[1]Madagascar: It will be too late to help us once we are dead: The human rights impact of climate change in drought-stricken southern Madagascar. Index Number: AFR 35/4874/2021, https://www.amnesty.org/en/documents/afr35/4874/2021/en/

18. September 2022