Original (englisch): hier | 18. Mai 2026
Häuptling Dsta’hyl (auch bekannt als Adam Gagnon), ein Flügelhäuptling des Likhts’amisyu-Clans der Wet’suwet’en-Nation, wurde 2024 zu Unrecht verhaftet und zu Hausarrest verurteilt, weil er das Land und die Rechte des Wet’suwet’en-Volkes friedlich gegen das Ausbauprojekt der Coastal GasLink-Pipeline verteidigt hatte. Er war der erste Mensch, der in Kanada von Amnesty International als Gewissensgefangener anerkannt wurde.
Amnesty International hat die Regierung von British Columbia aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Kriminalisierung der Wet’suwet’en und anderer indigener Landverteidiger*innen ein Ende findet. Hier reflektiert Häuptling Dsta’hyl über seine wichtige Arbeit zum Schutz des Landes der Wet’suwet’en, ihrer Rechte und der Umwelt, von der wir alle abhängig sind.
Dieses Land gehört uns nicht. Wir gehören zum Land. Wir sind ein Teil des Wassers, der Erde, der Luft – wir sind ein Teil von allem. Das Land und die Wet’suwet’en sind sehr spirituell. Meine Mutter sagte einmal, dass man in dem Moment, in dem man den Namen eines Wet’suwet’en-Häuptlings annimmt, nicht mehr man selbst ist. Von diesem Tag an handelt man nur noch im besten Interesse seines Volkes … und in allem, was mit dem Leben auf dem Land und dem Dasein als Teil des Landes zu tun hat.
In den 1950er Jahren wurden unsere Ländereien in Reservate umgewandelt, man gab uns englische Namen und machte uns zu „gesetzlichen Indianer*innen“ – sie ließen es so klingen, als würden sie uns etwas geben, aber in Wirklichkeit nahmen sie uns alles weg. Früher gab es auf unserem Gebiet Hunderttausende von Karibus (Rentieren), aber die Regierung und die Industrie, die darauf folgten, haben sie vertrieben. Unter der Erde unseres Territoriums liegen Ressourcen im Wert von Hunderten von Milliarden Dollar, und die wollen sie haben.
Die Verteidigung unseres Landes sollte kein Verbrechen sein
Für indigene Völker an vorderster Front wie die Wet’suwet’en sind die Kosten fossiler Brennstoffe keine theoretische Angelegenheit. Seit Jahren beobachte ich, wie sich die kanadische Regierung und Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie ihren Weg durch das Gebiet der Wet’suwet’en bahnen – nicht nur mit Maschinen zum Bau einer Flüssiggas-Pipeline, sondern auch mit einem Rechtssystem, das sich weigert, unser indigenes Recht, unsere Autorität und unsere Rechte anzuerkennen.
Als ich zum ersten Mal verurteilt wurde und unter Hausarrest stand, weil ich das Yin’tah (das Land der Wet’suwet’en) vor dem Pipelinebau verteidigt hatte, verfiel ich drei Monate lang in eine Depression, weil das Gericht entschied, dass ich mich nicht auf dem Territorium aufhalten durfte, um das zu tun, wozu ich bestimmt war – das Land und seine Tierwelt zu schützen. Die Unternehmen sehen nur einen leeren Raum, sie verstehen das Land nicht.
Die (tatsächlichen) Kosten fossiler Brennstoffe
Das Volk der Wet’suwet’en weiß seit Jahrzehnten, dass das Land an seine Grenzen gebracht wird. Die Wiederaufforstung eines abgeholzten Waldes gleicht nicht aus, was im Zuge des Baus der Coastal GasLink-Pipeline, die durch unser Land verläuft, zerstört wurde. Es dauert 60 bis 70 Jahre, bis neue Bäume ausgewachsen sind, und selbst dann kehren die Ökosysteme nie wieder vollständig zurück. Mikrohabitate verschwinden. Würde unser 22.000 Quadratkilometer großes Gebiet vollständig als Land der Wet’suwet’en anerkannt, würden wir entscheiden, was abgebaut und was geschützt wird, und sie würden die Kontrolle verlieren.
Die Auswirkungen der Coastal GasLink-Pipeline enden nicht an der Baustelle. Kompressorstationen, neue Pipeline-Infrastruktur, die das Unternehmen auf unserem Land errichten will, werden ständigen Tieftonlärm und Lichtverschmutzung mit sich bringen, die die eigentlich dunkle Wildnis überfluten. Tiere reagieren äußerst empfindlich auf Geräusche und Licht. Dies sind langfristige Schäden, die in keiner Umweltverträglichkeitsprüfung sinnvoll berücksichtigt werden.
Ein System, das auf die Ausbeutung ausgelegt ist
Während meiner Verurteilung sagte mir ein Richter, dass das Recht der Wet’suwet’en und das Kolonialrecht nicht nebeneinander bestehen können. Das bedeutet, dass die Gerichte, die eigentlich neutral sein sollten, bereits entschieden haben, welche Gesetze zählen und welche nicht. Denken Sie darüber nach, was es bedeutet, wenn ein*e Richter*in dies sagt: Es bedeutet, dass kein*e Indigene*r, der*die sein Land verteidigt, jemals mit einem fairen Verfahren rechnen kann. Es bedeutet, dass die Gesetze des Volkes, dessen Rechte nie erloschen sind, rundweg abgetan werden.
Das ist keine Gerechtigkeit. Es ist die Fortsetzung eines Systems, das darauf ausgelegt ist, die Rohstoffgewinnung zu ermöglichen, nicht aber Rechenschaftspflicht.
Im Jahr 1997 bestätigte der Oberste Gerichtshof Kanadas in seinem Urteil im Fall Delgamuukw die erbliche Regierungsstruktur der Wet’suwet’en und stellte fest, dass jedes Großprojekt, das unser Gebiet durchquert, die Zustimmung unserer Erbhäuptlinge erfordern muss. Dieses Urteil hätte jede Entscheidung über die Coastal GasLink-Pipeline und die Aktivitäten von LNG Canada leiten müssen. Stattdessen tut die Regierung heute so, als gäbe es das Urteil nicht.
Als wir den Präzedenzfall Delgamuukw vor Gericht anführten, wies der Richter ihn als für die einstweilige Verfügung irrelevant zurück und stellte uns stattdessen unter Strafe, weil wir unser nicht abgetretenes Territorium verteidigten. Doch dieser Rechtsstreit reicht tiefer als eine einzige Festnahme.
Unsere Rechte mit der Brechstange durchzusetzen ist keine Führungsrolle im Klimaschutz
Wir fordern die Gerichte auf, das Grundprinzip guter Regierungsführung durchzusetzen – etwas, das Kanada regelmäßig predigt, aber selten praktiziert, wenn es um Gewinne aus fossilen Brennstoffen geht. Es ist eine politische Entscheidung, die durch den Druck der Industrie und den Wunsch getrieben ist, ohne unsere Zustimmung Zugang zu unserem Land zu erhalten.
Kanada kann sich nicht als Vorreiterin im Klimaschutz oder als Verfechter der Menschenrechte bezeichnen, während es das Recht der Indigenen mit Füßen tritt, die Souveränität der Indigenen unterdrückt und den Ausbau fossiler Brennstoffe vorantreibt.
Das Land leidet. Unser Volk leidet. Und solange sich dieses System nicht ändert, werden nicht die Konzerne den Preis dafür zahlen. Es werden weiterhin wir sein.
Jeder Beitrag hilft, Widerstand zu leisten
Seit 2019 führen wir einen Klimaprozess gegen die Regierung. Das Verfahren wurde bereits dreimal ausgesetzt, doch wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass es vorankommt.
Seit vielen Jahren stehen wir an der Spitze des Widerstands gegen Kolonialisierung und gegen den Machtmissbrauch, den Regierungen weltweit gegenüber indigenen Völkern ausüben. Wir haben Anwält*innen, die sich vollzeitlich damit befassen, und Organisationen, die uns unterstützen.
Amnesty International hat so viel Aufmerksamkeit auf unsere Situation gelenkt; wir können gar nicht oft genug „Danke“ sagen für all die Arbeit, die die Organisation geleistet hat. Früher habe ich oft Sendungen auf CBC gehört, in denen Vertreter*innen von Amnesty zu Wort kamen, und ich habe mir das ständig angehört. Auch andere Organisationen haben indigenen Völkern geholfen – verschiedene Stiftungen leisten Beiträge, um uns bei unseren Plänen zur Rückgewinnung unseres Landes zu unterstützen. Wir brauchen diese Art von Hilfe weiterhin; jeder Beitrag hilft, der Kolonialisierung Widerstand zu leisten.
Fossile Brennstoffe sind eine aussterbende Industrie und müssen aufhören. Früher nutzte die Welt Walöl, und erst als fossile Brennstoffe aufkamen, hörte das Abschlachten von Walen auf. Als General Motors das erste Elektroauto auf den Markt brachte, setzte sich die große Ölindustrie dafür ein, es wieder vom Markt zu nehmen. Wir müssen wirklich nur weiter versuchen, mit Klimaschutzmaßnahmen voranzukommen und optimistisch zu bleiben.
Jede Klimabewegung – sei es durch den neuen Entwurf der UN-Klimaresolution zum Gutachten des Internationalen Gerichtshofs, den die Pazifikinseln eingebracht haben, sei es durch Amnesty oder die Anwält*innen, die uns unterstützen – macht einen großen Unterschied, insbesondere auf internationaler Ebene. Es sind unser Land, unser Recht, unsere Tierwelt, unsere Gesundheit, unsere Regierungsführung und unsere Zukunft, die geopfert werden, damit Unternehmen Profit machen und Regierungen es vermeiden können, sich der Klimakrise zu stellen.
Manchmal mag es sich sinnlos anfühlen, aber wir alle müssen unseren Beitrag für die gesamte Menschheit leisten.
