Original (englisch): hier | 8. Mai 2026
Im Jahr 2019 startete eine Gruppe von 27 Jurastudierenden der University of the South Pacific in Vanuatu eine Kampagne, um das Thema des vom Menschen verursachten Klimawandels und dessen Auswirkungen auf die Menschenrechte vor den Internationalen Gerichtshof (IGH) zu bringen. Ihre Initiative veranlasste den IGH im Juli 2025 zur Abgabe eines wegweisenden Gutachtens, in dem klargestellt wurde, dass Regierungen eine rechtliche Verpflichtung haben, die Menschenrechte vor den Folgen des Klimawandels zu schützen.
Heute sind die Pazifikinseln federführend bei einem Entwurf für eine UN-Klimaresolution, die das bahnbrechende Gutachten des IGH in einen Fahrplan für Maßnahmen und Rechenschaftspflicht umwandeln soll, um die Staats- und Regierungschef*innen dazu zu bewegen, aus fossilen Brennstoffen auszusteigen und ihren Menschenrechtsverpflichtungen nachzukommen.
Der in Fidschi geborene Vishal Prasad ist Direktor der Organisation „Pacific Islands Students Fighting Climate Change“ (PISFCC). Hier berichtet er über den Weg, wie aus „Herzschmerz Taten wurden“.
„Ende 2019 schloss ich mich einer Gruppe von 27 Jurastudierenden der University of the South Pacific in Vanuatu an, die sich zusammengeschlossen hatten, um den Klimawandel vor das höchste Gericht der Welt zu bringen. Wir wussten nur zu gut, welche Folgen die Klimakrise für unsere Region hat.
Wir kamen aus Gemeinden, in denen eine monatliche Springflut wachsame, schlaflose Nächte bedeutet, und aus Ländern, in denen die über Jahrzehnte langsam aufgebaute wirtschaftliche Entwicklung durch mehrere Zyklone zunichte gemacht werden könnte. Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der zahlreiche UN-Klimakonferenzen wie die COP stattfanden, auf denen Versprechen für dringende Veränderungen und notwendige Abhilfemaßnahmen abgegeben wurden. Doch unsere Bevölkerung wartet weiterhin und hofft darauf, dass diese Versprechen eingehalten werden.
Ein radikaler und hartnäckiger Optimismus
Die Entscheidung, das größte Problem der Welt vor das höchste Gericht der Welt zu bringen, war keine jugendliche Naivität. Allzu oft werden Reformforderungen von jungen Menschen als „realitätsfern“ oder „naiv“ abgetan und damit delegitimiert. Wir haben diesen Schritt aus einem radikalen und hartnäckigen Optimismus heraus gewagt. Aus jenem Optimismus, der daraus entsteht, dass uns ein Leben lang gesagt wurde, unsere Heimat sei klein, isoliert und zu einer Zukunft mit steigenden Gezeiten und immer schlimmeren Katastrophen verdammt.
Über sechs Jahre hinweg hielt diese hartnäckige Hoffnung an, während wir Strategien entwickelten und Wege suchten, um den IGH zu erreichen, und uns gleichzeitig mit Partner*innen auf der ganzen Welt vernetzten, um eine Bewegung aufzubauen, die Veränderungen fordert.
Der Klimawandel ist nicht nur ein Problem des Pazifikraums
Als wir diese Botschaft in multilaterale Foren trugen, trafen wir auf junge Menschen aus aller Welt, die ähnliche Geschichten aus ihrer Heimat erzählten: Taifune, die Zivilisten in Not brachten, steigende Meerestemperaturen, die die Artenvielfalt der Inseln zerstörten, und Überschwemmungen, die die Nahrungsmittelversorgung lahmlegten.
Diese Bewegung war auch ein Beweis dafür, dass der Klimawandel nicht nur ein Problem des Pazifikraums ist. Zunehmende Überschwemmungen, Hurrikane und Waldbrände betreffen Menschen auf der ganzen Welt und treffen überall unverhältnismäßig stark die am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen. Daher liegt es im besten Interesse aller Länder, das Völkerrecht zu unterstützen und sich dahinter zu vereinen. Das Völkerrecht schreibt vor, dass gemeinsame Probleme eine gemeinsame Zusammenarbeit erfordern.
Ein historischer Moment: Der Internationale Gerichtshof gibt sein Gutachten zum Klimawandel ab
Im Dezember 2024, dem niederländischen Winter trotzend, standen wir Seite an Seite mit Träger*innen traditionellen Wissens, Rechtsexpert*innen und Jugendlichen, um von den verheerenden Folgen des Klimawandels zu berichten, aber auch, um vor dem höchsten Gericht der Welt Gerechtigkeit einzufordern. Sieben Monate nach der Verhandlung unseres Falles gab der IGH im Juli 2025 ein Gutachten ab, das unsere Erwartungen bei weitem übertraf. Darin wurde klargestellt, dass Staaten gemäß dem Pariser Abkommen und einer Vielzahl internationaler Rechtsvorschriften, darunter Menschenrechte und das Völkergewohnheitsrecht, zur Handlung verpflichtet sind. Konkret betonte der IGH, dass das Recht auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt eine Voraussetzung für die wirksame Ausübung aller anderen Rechte und daher eine Priorität darstellt.
Die Menschenrechte wurden nun direkt mit den durch die Klimakrise verursachten Schäden in Verbindung gebracht, und dies ist eine unschätzbare Feststellung in unserem gemeinsamen Streben nach Gerechtigkeit. Der IGH stellte zudem klar, dass rechtliche Konsequenzen entstehen können, wenn Staaten diese Verpflichtungen verletzen und Klimaschäden verursachen. Für viele Länder an vorderster Front der Klimakrise war dies eine Bestätigung dessen, was wir über die Klimakrise gesagt haben – nun bekräftigt durch die Kraft des Völkerrechts.
Wenn Menschen sich zusammenschließen, sind erstaunliche Veränderungen möglich
Diese neu gewonnene rechtliche Klarheit hinsichtlich der Verpflichtungen der Staaten muss nun als Grundlage für die internationale Klimapolitik und den entsprechenden Handeln dienen. Ein Weg, dies zu erreichen, besteht darin, das Gutachten durch eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen umzusetzen, die von Vanuatu eingebracht wurde und derzeit von den UN-Mitgliedstaaten diskutiert wird. Dieser Entwurf einer UN-Resolution zum Klimawandel zielt darauf ab, das einstimmige Urteil des IGH zu bekräftigen und Mechanismen zu erörtern, um die Feststellungen des Gerichts in die Praxis umzusetzen.
Die Herausforderung besteht nun darin, dass sich die Welt auf eine starke UN-Klimaresolution einigt, die mit breiter Unterstützung der UN-Mitgliedstaaten verabschiedet wird. Und wir wissen, dass dies möglich ist. Genau wie in den früheren Phasen dieser Kampagne wissen wir: Wenn Menschen sich zusammenschließen, sind erstaunliche, substanzielle Veränderungen möglich.
Die Dringlichkeit des Entwurfs für die UN-Klimaresolution
Hier bei uns ist der Klimawandel keine Vorhersage für die Zukunft, sondern eine Realität, die wir hautnah erleben; eine Tragödie, die sich direkt vor unserer Haustür abspielt und gegen die wir Widerstand leisten, uns mobilisieren und uns für Veränderungen einsetzen. Für uns steht fast alles auf dem Spiel. Wir befinden uns an vorderster Front. Unsere Heimat, unsere Identität und das Fundament unseres kulturellen Daseins stehen auf dem Spiel.
Weltweit zeigt sich der vom Menschen verursachte Klimawandel zunehmend in Form von beispiellosen Überschwemmungen, Waldbränden, Dürren, zyklischen Hitze- und Kälteextremen sowie verheerenden Wirbelstürmen. All dies wird durch Kriege und nachlassendes Engagement für den Klimaschutz noch verschärft. Die Gesundheit unseres gesamten Landes, unserer Luft, unserer Gewässer und Ozeane steht auf dem Spiel.
Wir brauchen alle Menschen auf der Welt, damit sie von ihren Regierungen fordern, die UN-Klimaresolution mitzutragen und für deren Verabschiedung zu stimmen, ohne sie zu verwässern – damit alle Menschen, die Alten, die Jungen und künftige Generationen, in Würde leben können.
