Pressemitteilung | Original (englisch): hier | 17. Juni 2026
Die Küstengemeinde Cedeño am Golf von Fonseca sieht sich mit einer Menschenrechtskrise konfrontiert, die durch die Auswirkungen des Klimawandels – darunter Küstenerosion, steigender Meeresspiegel und das Ausbleiben angemessener staatlicher Maßnahmen – verursacht wird, erklärte Amnesty International heute bei der Veröffentlichung seines neuen Berichts „Losing everything, home and children”. Climate displacement from the Honduran Pacific coast.“
Der Bericht zeigt, dass sich in diesem Gebiet, das erst vor wenigen Tagen vom Tropensturm Cristina heimgesucht wurde, die Küstenlinie zwischen 2004 und 2026 um rund 135 Meter zurückgezogen hat, was 6,13 Metern pro Jahr entspricht. Dieser Gebietsverlust beeinträchtigt unmittelbar die Wahrnehmung der Menschenrechte der in Cedeño lebenden Menschen.
„Die herzzerreißende Situation, in der sich die Menschen in Cedeño heute befinden, ist das Ergebnis jahrelanger Untätigkeit im Klimabereich, sowohl seitens des honduranischen Staates als auch seitens der internationalen Gemeinschaft. Heute sind ihre Rechte auf Wasser, Nahrung und Wohnraum bedroht, was auch ihr Recht auf ein Leben in Würde beeinträchtigt. Die gesammelten Zeugenaussagen sind ein Hilferuf, der sofortige Aufmerksamkeit erfordert“, sagte Ana Piquer, Direktorin für Amerika bei Amnesty International.
Gefährdete Rechte
Obwohl die Treibhausgasemissionen des Landes minimal sind, gehört Honduras weltweit zu den Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. In Cedeño gefährden wiederholte Sturmfluten, Küstenerosion und der steigende Meeresspiegel die Rechte der Einwohner*innen.
Der Zugang zu Wasser ist eingeschränkt. Aufgrund der Schäden, die durch aufeinanderfolgende Sturmfluten verursacht wurden, haben nur sehr wenige Menschen Zugang zum Wasserversorgungsnetz. Daher beziehen die meisten der befragten Familien ihr Wasser aus selbst gegrabenen Brunnen, doch dieses Wasser ist aufgrund der Verschmutzung und Versalzung der Süßwasserquellen nicht zum Verzehr geeignet.
Auch die Ernährungssicherheit von Hunderten von Menschen ist gefährdet. Die Hauptlebensgrundlage der Familien in dieser Region ist die handwerkliche Fischerei, doch diese Tätigkeit ist zunehmend bedroht. Nicht nur sinken die Einkommen, wenn Sturmfluten den Auslauf von Booten und kleinen Schiffen verhindern; die Fischer beobachten zudem einen Rückgang ihrer Fänge, der mit der Verschlechterung des Ökosystems, einschließlich der Abholzung von Mangrovenwäldern, zusammenhängt, während es keine anderen nachhaltigen Alternativen zur Einkommenssicherung gibt.
Auch im Zentrum von Cedeño haben Sturmfluten die kommunale Infrastruktur, Strandrestaurants, Geschäfte und Wohnhäuser beschädigt. Zwar gibt es keine genauen Zahlen zur Anzahl der zerstörten Häuser, doch aus mehreren Berichten geht hervor, dass Menschen ihre Häuser bereits mehr als einmal verloren und wieder aufgebaut haben.
„Ich habe zwei Töchter in den Vereinigten Staaten, die ohne Papiere leben, und sie schicken mir Geld, damit ich über die Runden komme. Wir haben glücklich gelebt, bevor ich mein Haus und mein Geschäft durch die Sturmflut verloren habe. Wäre das nicht passiert, wären sie nicht weggegangen“, sagte Sonia*, eine Einwohnerin von Cedeño.
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die honduranischen Behörden angesichts dieser Situation nur sehr begrenzt reagiert haben. Oftmals müssen die Familien – deren finanzielle Lage durch die Kosten für den Kauf von Trinkwasser und die zunehmende Abhängigkeit von externen Nahrungsmittelquellen ohnehin schon angespannt ist – den Wiederaufbau oder die Instandsetzung ihrer Häuser und Betriebe aus eigener Tasche bezahlen, was ihren Aussagen zufolge auch zu einer Verschuldung führt.
Amnesty International kommt zu dem Schluss, dass die Auswirkungen des Klimawandels in Verbindung mit dem Versäumnis der honduranischen Behörden, Hilfe zu leisten und angemessen auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen, insgesamt eine Verletzung ihres Rechts auf ein Leben in Würde darstellen.
Eine würdevolle und umfassende Umsiedlung
Abgesehen von der humanitären Hilfe, die gelegentlich von der Ständigen Kommission für Notfälle (COPECO) und anderen Institutionen im Falle plötzlicher Katastrophen geleistet wird, gibt es in der nationalen Gesetzgebung keinen Mechanismus, um den Bedürfnissen von Menschen gerecht zu werden, die aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels oder anderer Katastrophen eine dauerhaftere Umsiedlung benötigen. Das honduranische Gesetz über Vertreibung und das Nationale Reaktionssystem für Binnenvertreibung (SINARDEFI) befassen sich ausschließlich mit Menschen, die durch Gewalt vertrieben wurden.
Seit Mai 2025 haben sich die im Rahmen des Cedeño-Runden Tisches für Klimagerechtigkeit organisierten Menschen an den Bürgermeister von Marcovia – der Gemeinde, zu der Cedeño gehört – sowie an mehrere Ministerien gewandt und die Einrichtung eines interinstitutionellen Runden Tisches gefordert, um ihre Bedürfnisse anzugehen und vor allem die geplante, würdige und umfassende Umsiedlung ihrer Häuser zu organisieren. Nach ihren Schätzungen müssen derzeit rund 990 Menschen aufgrund der Gefahren, denen ihre Häuser ausgesetzt sind, umgesiedelt werden.
Amnesty International begrüßt die Ankündigung der honduranischen Regierung vom 3. Juni 2026, einen interinstitutionellen Fachausschuss unter der Koordination von COPECO einzurichten, um die Lage der vom Vormarsch des Meeres betroffenen Gemeinden in Cedeño anzugehen.
Die Organisation fordert die Regierung auf, dafür zu sorgen, dass diese Ankündigung in einen Umsiedlungsplan mündet, der den internationalen Menschenrechtsstandards entspricht, über ausreichende Mittel für seine Umsetzung verfügt und die wirksame Beteiligung der Bevölkerung während des gesamten Prozesses gewährleistet.
Angesichts der Prognosen, wonach die Zahl oder die Intensität von Wetterereignissen aufgrund der globalen Erwärmung zunehmen wird, fordert Amnesty International den Kongress zudem nachdrücklich auf, einen rechtlichen Rahmen zu schaffen, um Menschen zu unterstützen, die durch die Auswirkungen des Klimawandels und durch Katastrophen vertrieben wurden, und geplante Umsiedlungsprozesse im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen zu regeln, die der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte in seinem Gutachten Nr. 32/25 festgelegt hat.
Klimabedingte Vertreibung
Die eingegangenen Zeugenaussagen zeigen, dass die Auswirkungen von Sturmfluten und das Fehlen von Menschenrechtsgarantien in Cedeño sowohl interne als auch grenzüberschreitende klimabedingte Vertreibung begünstigen, insbesondere unter jungen Erwachsenen.
Der Bericht hebt die Unzulänglichkeit sicherer und regulärer Migrationswege aus Honduras hervor, insbesondere für diejenigen, die durch die Klimakrise zur Migration gezwungen werden. Diese Situation hat Menschen aus Cedeño in die irreguläre Migration getrieben. Viele befinden sich in den Vereinigten Staaten ohne regulären Aufenthaltsstatus und fürchten eine Abschiebung.
Staaten, darunter die Vereinigten Staaten und Mexiko, sind verpflichtet, Menschen nicht in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken, wenn sie befürchten, im Zusammenhang mit dem Klimanotstand und Katastrophen Menschenrechtsverletzungen zu erleiden. In der Praxis haben sie jedoch Maßnahmen ergriffen, die den Zugang zu internationalem Schutz einschränken und regelmäßig Menschenrechte verletzen.
Die Verschärfung der Migrationspolitik in Mexiko und den Vereinigten Staaten gefährdet das Leben Tausender Menschen. Amnesty International fordert diese Staaten auf, von der Rückführung von Menschen mit internationalem Schutzbedarf nach Honduras abzusehen, und appelliert an die internationale Gemeinschaft, neue, auf Rechten basierende Migrationskategorien einzuführen und bestehende auszuweiten, um diejenigen zu schützen, die am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels und von Katastrophen betroffen sind.
„Cedeño verdeutlicht eine doppelte Ungerechtigkeit: Die Menschen werden durch eine Klimakrise, die sie nicht verursacht haben, aus ihrem Lebensraum vertrieben, während sie gleichzeitig mit einer immer restriktiveren Migrationspolitik konfrontiert sind, wenn sie Schutz oder neue Lebensperspektiven suchen. Die Antwort darauf darf nicht im Verlassen oder in der Abschiebung bestehen. Sie muss in Schutz, Klimagerechtigkeit und internationaler Zusammenarbeit bestehen“, sagte Ana Piquer.
Mangelnde Klimaanpassung und Finanzierung
Die analysierten Unterlagen zeigen, dass sich die aufeinanderfolgenden honduranischen Regierungen seit mehr als 20 Jahren der Situation in Cedeño bewusst sind. In jüngerer Zeit haben die honduranischen Behörden die Auswirkungen auf die Menschenrechte der Küstenbevölkerung sowie die Notwendigkeit anerkannt, Maßnahmen zu ergreifen, um diese vor den Folgen des Klimawandels zu schützen und die Ökosysteme zu bewahren. Dennoch haben sich die Lebensbedingungen der Menschen in Cedeño weiter verschlechtert.
Amnesty International ist der Ansicht, dass die Vernachlässigung dieser Gemeinden in engem Zusammenhang mit dem Mangel an Klimaanpassungsmaßnahmen seitens der honduranischen Regierung steht. Obwohl Honduras über einen rechtlichen und institutionellen Rahmen in Klimafragen verfügt, steht es aufgrund begrenzter Ressourcen und institutioneller Kapazitäten vor großen Herausforderungen bei der Umsetzung seiner Klimastrategien.
Nach Auffassung des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte ist der honduranische Staat verpflichtet, Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechte seiner Bevölkerung im Kontext des Klimanotstands zu ergreifen, darunter das Recht auf Wasser, Nahrung und Wohnraum. Diese Maßnahmen sind zudem unerlässlich, um Zwangsmigration und Vertreibung infolge von Katastrophen und den Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern.
„Die Untersuchung zeigt, dass die honduranische Regierung trotz der großen Herausforderungen, vor denen sie steht, eine Reihe von Möglichkeiten hat, die Umsetzung der Klimastrategien voranzutreiben, die von den Menschen in Cedeño und der Bevölkerung im weiteren Sinne dringend benötigt werden, und ihren Rechtsrahmen anzupassen, um die Rechte der durch Katastrophen und den Klimawandel vertriebenen Menschen zu gewährleisten. Diese Regierung darf diese Chancen nicht verpassen“, fügte Ana Piquer hinzu.
Diese Herausforderungen stehen vor dem Hintergrund unzureichender internationaler Klimafinanzierung, wie bereits von der vorherigen honduranischen Regierung hervorgehoben wurde. Zwar sind alle Länder verpflichtet, den Klimawandel gemeinsam zu bekämpfen, doch betont Amnesty International, dass die größten Emittenten die Verantwortung tragen, einkommensschwache Länder mit Klimafinanzierung zu unterstützen. In diesem Zusammenhang hat Amnesty International gefordert, dass eine solche Unterstützung vorzugsweise in Form von Zuschüssen statt von Darlehen erfolgt, damit Länder wie Honduras Maßnahmen zur Klimaanpassung und -minderung sowie Entschädigungen für Verluste und Schäden finanzieren können, ohne sich weiter zu verschulden.
