Ecuador: „Guerreras por la Amazonía“ fordern fünf Jahre nach einem wegweisenden Urteil die Abschaffung von Gasfackeln

Beitragsbild: Amnesty International

Pressemitteilung | Original (englisch): hier | 29. Juli 2026

Amnesty International schließt sich dem Aufruf der „Guerreras por la Amazonía“ (GxA, „Kriegerinnen für den Amazonas“) an, die fünf Jahre nach Erlangung eines wegweisenden Urteils, das Ecuador dazu verpflichtet, Gasfackeln der Ölindustrie in der Nähe von besiedelten Gebieten zu beseitigen und den betroffenen Gemeinden Entschädigungen zu gewähren, weiterhin dessen vollständige Umsetzung fordern.

„In den vergangenen fünf Jahren haben die Guerreras por la Amazonía, die Vereinigung der von Texacos Aktivitäten Betroffenen (UDAPT), das Kollektiv ‚Eliminen los Mecheros‘ und die betroffenen Gemeinden unermüdlich für ihre Rechte und für Klimagerechtigkeit gekämpft. Dennoch sehen sie sich weiterhin mit der Gleichgültigkeit der Behörden konfrontiert, mit Maßnahmen, die lediglich den Anschein der Einhaltung des Urteils erwecken, sowie mit Stigmatisierung und sogar Angriffen gegen sie“, sagte Ana Piquer, Amerika-Direktorin bei Amnesty International.

Abschaffung von Gasfackeln: Teilfortschritte und vorgetäuschte Einhaltung

Nach Angaben des ecuadorianischen Ministeriums für Umwelt und Energie (MAE) gab es im Jahr 2023 im ecuadorianischen Amazonasgebiet 486 Gasfackeln. Davon wurden 424 vom staatlichen Unternehmen Petroecuador und 62 von privaten Unternehmen betrieben.

Das Urteil ordnete deren schrittweise Abschaffung bis 2030 an, beginnend mit den Fackeln in der Nähe von besiedelten Gebieten. Diese Fackeln sollten innerhalb von 18 Monaten abgeschafft werden – eine Frist, die am 29. März 2023 ablief.

Um dieser Verpflichtung nachzukommen, erließ das MAE im Jahr 2022 Vorschriften, wonach als „in der Nähe von besiedelten Gebieten“ nur solche Fackeln gelten, die sich in einem Umkreis von 100 Metern um eine Ansammlung von mindestens 20 benachbarten Wohnhäusern befinden.

In seinem Bericht „The Amazon Is Burning, the Future Is Burning“ dokumentierte Amnesty International im August 2024 mindestens 52 Gasfackeln, die sich in einem Umkreis von fünf Kilometern um besiedelte Gebiete befanden – eine Entfernung, die Schadstoffe zurücklegen können.

Trotzdem betrachteten die Behörden die erste Frist als erfüllt, nachdem sie lediglich zwei Fackeln stillgelegt hatten, die unter das restriktive 100-Meter-Kriterium fielen.

Im Juli 2026 berichtete Petroecuador, dass es 183 Gasfackeln stillgelegt und 600 Millionen US-Dollar für die Fortsetzung des Stilllegungsprozesses bereitgestellt habe. Bis Ende 2025 waren nur neun der 62 von privaten Unternehmen betriebenen Fackeln stillgelegt worden.

Laut der jährlichen Satellitenüberwachung der Weltbank, die die weltweiten Fortschritte auf dem Weg zum Ziel einer vollständigen Beendigung des routinemäßigen Abfackelns von Gas bis 2030 verfolgt, sank die Menge des in Ecuador abgefackelten Gases zwar zwischen 2024 und 2025 um 9 %, lag jedoch weiterhin um 34 % höher als im Jahr 2021 – dem Jahr, in dem das Programm zur Beseitigung der Gasfackeln eigentlich beginnen sollte.

Fünf Jahre später beeinträchtigen Gasfackeln weiterhin die Gemeinden

Im Juli 2026 stellte Amnesty International anhand von Daten der Weltbank, offiziellen Dokumenten und Interviews fest, dass mindestens drei Gasfackelstandorte, die sich im Umkreis von fünf Kilometern um die Wohnhäuser von Mitgliedern der „Guerreras por la Amazonía“ – und von besiedelten Gebieten im weiteren Sinne – befinden, weiterhin in Betrieb sind.

Die 16-jährige Dayra Shirap ist Mitglied der GxA und gehört der indigenen Volksgruppe der Shuar an. Sie wohnt knapp zwei Kilometer von der Shushufindi-Südwest-Station entfernt. Nach Angaben der Weltbank ist die Menge des an diesem Standort abgefackelten Gases seit 2021 um 53 % gestiegen.

Sie berichtete außerdem, dass die Fackeln an der Station nur ein einziges Mal abgeschaltet wurden, und zwar während eines Besuchs von Beamt*innen eines Ministeriums, die angereist waren, um die Einhaltung des Urteils zu überprüfen. Nach dem Besuch wurden die Fackeln wieder eingeschaltet.

Die 15-jährige Leonela Moncayo, Mitglied der „Guerreras por la Amazonía“, lebte früher mit einer Gasfackel direkt vor ihrem Haus. Ihrer Aussage zufolge wurde die Fackel nicht beseitigt. Stattdessen wurde die Pipeline, über die das Gas transportiert wird, zu einer anderen Station umgeleitet, die fast zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt liegt.

Das Gas wurde zur Station Lago Norte umgeleitet, wo sich die Menge des abgefackelten Gases zwischen 2024 und 2025 verdoppelte und einen Rekordwert von 7,32 Millionen Kubikmetern pro Jahr erreichte. Die beiden Fackeln an diesem Standort sind im Plan zur schrittweisen Stilllegung enthalten, doch deren Abbau soll erst am 31. Dezember 2027 abgeschlossen sein.

Die 18-jährige Jamileth Jurado verbringt ihre Zeit abwechselnd im Haus ihres Vaters und im Haus ihrer Mutter. Das Haus ihres Vaters liegt etwa 150 Meter von einer Ölplattform entfernt, von der immer wieder Öl ausläuft. Ihre Mutter lebt in Shushufindi, einer Stadt, die von Gasfackeln umgeben ist.

Etwas mehr als vier Kilometer von ihrem Zuhause entfernt liegt die Shushufindi-Nord-Station, die laut Daten der Weltbank das höchste Volumen an Gasabfackelung im Land verzeichnet: etwa 69,1 Millionen Kubikmeter pro Jahr.

Jamileth wohnt außerdem etwa 1,6 Kilometer von der Shushufindi-Zentralstation entfernt, wo laut einem Bericht von Petroecuador zwei Gasfackeln bis Ende 2028 in Betrieb bleiben werden.

Der offizielle Plan von Petroecuador sieht die Stilllegung von 13 Gasfackeln im Jahr 2026, 60 im Jahr 2027, 60 im Jahr 2028, 50 im Jahr 2029 und 54 im Jahr 2030 vor.

Pablo Fajardo, ein Anwalt, der die Kläger*innen vertritt und Mitglied der UDAPT ist, warnte jedoch, dass sie neue Fackeln identifiziert hätten und dass nur eine neue landesweite Studie es ermöglichen würde, eindeutig festzustellen, wie viele noch in Betrieb sind.

Petroecuador hat erklärt, dass die Einhaltung des Plans von den Betriebsbedingungen und der Möglichkeit von Einbußen bei der Ölförderung abhängt.

Amnesty International ist der Ansicht, dass die Konditionierung der Abschaffung der Gasfackeln an die Aufrechterhaltung der Ölförderung bedeutet, die wirtschaftlichen Interessen der Ölindustrie über die Menschenrechte zu stellen und den ecuadorianischen Amazonas als „Opferzone“ zu erhalten.

„Guerreras por la Amazonía“ erhält Unterstützungsunterschriften aus aller Welt.

Entschädigungen stehen noch aus

Das Urteil sah auch Entschädigungen im Zusammenhang mit den Rechten der betroffenen Gemeinden auf Gesundheit, Wasser und eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt vor. Fünf Jahre später sind diese Maßnahmen immer noch nicht umgesetzt worden.

Laut UDAPT hat das Gesundheitsministerium die medizinische und wissenschaftliche Studie über das Ausmaß der Gesundheitsschäden für die Gemeinden, zu deren Vorlage es innerhalb von sechs Monaten nach dem Urteil verpflichtet war, nicht vorgelegt.

Da das Ausmaß dieser gesundheitlichen Auswirkungen nicht ermittelt wurde, haben die Behörden es zudem versäumt, eine klinische Onkologieabteilung einzurichten.

„Ich werde mich weiterhin für die Rechte der Menschen im Amazonasgebiet einsetzen. Ich werde mich weiterhin für Krebspatient*innen im Amazonasgebiet einsetzen, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie es ist, dieses Leid zu durchleben. Eines Tages wird dies ein Ende haben“, sagte Jamileth Jurado, die Tochter eines*r der 749 Krebspatient*innen, die von UDAPT in Gemeinden in der Nähe von Gasfackeln erfasst wurden.

Die Behörden haben es zudem versäumt, die Wasserqualität ordnungsgemäß zu überprüfen oder den Zugang zu Wasser zu gewährleisten, das für den menschlichen Verzehr unbedenklich ist.

Die Menschen in der Region sind darauf angewiesen, Regenwasser oder Grundwasser – das in vielen Fällen verunreinigt ist – zu nutzen oder Wasser in Flaschen zu kaufen.

Schließlich ordnete das Urteil die Einrichtung eines wirksamen Systems zur Umweltüberwachung und -überprüfung an, um Verstöße gegen die Rechte der Natur aufzudecken. Die Reaktion der Behörden beschränkte sich jedoch auf formelle schriftliche Mitteilungen.

„Sie antworten alle mit Vorschriften und Berichten, verschleiern damit aber die Situation. Sie liefern keine Informationen über die Einhaltung des Urteils, sondern über Dinge, die es ihnen ermöglichen, sich der Umsetzung zu entziehen“, sagte Pablo Fajardo von der UDAPT.

Der Kampf geht weiter

Als Reaktion auf die wiederholte Nichtbefolgung des Urteils haben die „Guerreras por la Amazonía“ und die UDAPT bei verschiedenen Instanzen, darunter der Nationalversammlung und dem Verfassungsgericht Ecuadors, Rechtsmittel eingelegt. Sie haben zwei Klagen beim Verfassungsgericht eingereicht. Eine wurde abgewiesen, die andere wird noch geprüft.

Obwohl der Staat dem Urteil laut UDAPT nicht vollständig nachgekommen ist, haben diese fünf Jahre des Kampfes und des Widerstands Veränderungen bewirkt, darunter ein besseres Verständnis für die Auswirkungen von Gasfackeln auf die Bevölkerung.

Im Jahr 2024 wurde in das ecuadorianische Organgesetz zur umfassenden Planung des besonderen Territorialbezirks Amazonas eine Bestimmung aufgenommen, die die Verbrennung von sogenanntem „Erdgas“ im Freien durch Fackeln verbietet, wenn dadurch Gemeinden und Ökosysteme gefährdet werden.

Trotz der Stigmatisierung und der Angriffe, denen die „Guerreras por la Amazonía“ und die UDAPT ausgesetzt waren, sowie des Mangels an staatlichen Schutzmaßnahmen haben die Mädchen und jungen Frauen ihren Kampf nicht aufgegeben.

Im Jahr 2024 schlossen sich sechs Mädchen, die die Völker der Shuar, Kichwa, Siona, Siekopai, Waorani und Cofán vertreten, dem Kollektiv „Guerreras por la Amazonía“ an. Die Guerreras haben zudem internationale Solidarität in Foren wie der COP30 mobilisiert.

Im Mai 2026 überreichten die GxA, UDAPT und Amnesty International dem MAE 492.174 Unterstützungsbekundungen von Menschen aus aller Welt, in denen die Umsetzung des Urteils gefordert wurde. Im Anschluss an dieses Treffen verpflichtete sich das Ministerium, interinstitutionelle technische Arbeitsgruppen zu fördern, um Fortschritte bei der Abschaffung der Gasfackeln und der Gewährung von Entschädigungen zu erzielen.

„Die Guerreras, UDAPT und die Gemeinden, die in der Nähe von Gasfackeln leben, sind keine passiven Opfer. Ihr aktiver Widerstand übt Druck auf den ecuadorianischen Staat aus und ist zu einem regionalen und internationalen Vorbild für den Kampf um Umwelt- und Klimagerechtigkeit geworden. Der ecuadorianische Staat muss der vorgetäuschten Einhaltung ein Ende setzen und seiner Verpflichtung nachkommen, die Gasfackeln abzuschaffen und schrittweise von den fossilen Brennstoffen abzurücken, die den ecuadorianischen Amazonas in eine Opferzone verwandeln“, sagte Ana Piquer, Direktorin für Amerika bei Amnesty International.