Original (englisch): hier | 30. Juli 2026
Das Nigerdelta ist eines der größten Feuchtgebiete der Welt und zugleich eine der wertvollsten Ölförderregionen. Seit Jahrzehnten haben Ölkatastrophen, das Abfackeln von Gas, die Deponierung von Abfällen und gescheiterte Sanierungsmaßnahmen Gemeinden verwüstet, die für ihre Ernährung, ihre Wasserversorgung und ihren Lebensunterhalt auf das Land, die Flüsse und die Bäche angewiesen sind. Recherchen von Amnesty International haben gezeigt, dass die Bilanz von Shell dort nicht nur ein Umweltskandal ist. Es handelt sich um eine Menschenrechtskrise.
Warum ist das Nigerdelta so wichtig?
Das Nigerdelta ist ein ausgedehntes Netz aus Bächen, Flüssen, Mangrovenwäldern und Feuchtgebieten im Süden Nigerias. Millionen von Menschen sind dort von Landwirtschaft und Fischerei abhängig.
Es ist aber auch eine der weltweit wichtigsten Ölförderregionen. Shell begann 1958 mit dem Export seines Öls und betrieb im Laufe der Zeit rund 50 Ölfelder sowie ein ausgedehntes Pipelinenetz. Auch andere große Konzerne der fossilen Brennstoffindustrie wie Chevron, Eni, ExxonMobil und Total haben sich dort in Partnerschaft mit der nigerianischen Regierung engagiert. Seitdem besteht die Exportwirtschaft des Landes überwiegend aus Öl und Gas, die seit Jahren mehr als 90 % der gesamten Exporte des Landes ausmachen.
Für die Gemeinden, die in der Nähe der Ölinfrastruktur leben, waren die Folgen verheerend.
Was hat Amnesty International im Nigerdelta dokumentiert?
Der nigerianische Schriftsteller und Aktivist Ken Saro-Wiwa machte in den 1990er Jahren erstmals die Weltöffentlichkeit auf die menschlichen Kosten der Ölförderung im Nigerdelta aufmerksam. Doch die damalige Militärregierung Nigerias ging brutal gegen die friedliche Protestbewegung vor, die er in seiner Heimatregion Ogoniland anführte. Ein Gericht verurteilte Saro-Wiwa und acht weitere Männer nach einem offensichtlich unfairen Prozess zum Tode. Amnesty International schloss sich vielen anderen an, die sich für ihre Freilassung einsetzten, doch die Männer, die gemeinsam als die „Ogoni Nine“ bekannt waren, wurden am 10. November 1995 hingerichtet.
Im Jahr 2009 veröffentlichte Amnesty International eine neue Untersuchung mit dem Titel „Nigeria: Erdöl, Umweltverschmutzung und Armut im Nigerdelta“, in der dokumentiert wurde, wie die Ölverschmutzung die Rechte der Menschen auf Wasser, Gesundheit, Nahrung, Lebensgrundlagen, Rechtsbehelfe und eine saubere, gesunde Umwelt beeinträchtigt hat. Außerdem wurde festgestellt, dass das Regulierungssystem im Nigerdelta erhebliche Mängel aufwies. Nigeria verfügt zwar über Gesetze und Vorschriften, die Unternehmen zur Einhaltung international anerkannter Standards und zum Schutz der Umwelt verpflichten, doch diese Gesetze und Vorschriften wurden nur unzureichend durchgesetzt. Unterdessen nutzten die Ölkonzerne das schwache Regulierungssystem Nigerias aus. Sie ergriffen keine ausreichenden Maßnahmen, um Umweltschäden zu verhindern, und versäumten es häufig, die verheerenden Auswirkungen ihrer schlechten Praktiken auf das Leben der Menschen angemessen anzugehen.
Wie reagierte Shell darauf?
Shell hat stets argumentiert, dass es im Nigerdelta verantwortungsbewusst gehandelt habe und dass die meisten Ölunfälle von Öldieben verursacht worden seien, die das Öl in handwerkliche Raffinerien leiten, wo das Rohöl zu raffinierten Produkten wie Benzin und Diesel für den Verkauf auf lokalen Märkten verarbeitet wird. Diese Raffinerien verursachen Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung.
Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass Shell seiner nach nigerianischem Recht bestehenden Verpflichtung zur Beseitigung und Sanierung von Ölverschmutzungen durch seine Infrastruktur nicht nachkam, wozu das Unternehmen unabhängig von der Ursache verpflichtet ist. Amnesty dokumentierte zudem Versäumnisse der nigerianischen Aufsichtsbehörde für Ölverschmutzungen, der National Oil Spill Detection and Response Agency. Die Behörde war nach wie vor unterfinanziert und stufte weiterhin einige sichtbar verschmutzte Gebiete als sauber ein.
Mark Dummett, Leiter des Bereichs Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International, erklärte dazu: „Shells Schuldzuweisungen können die Aufmerksamkeit nicht länger von den gebrochenen Versprechen und der vernachlässigten Infrastruktur ablenken. Solange Ölkonzerne ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, wird das Nigerdelta ein warnendes Beispiel für Gemeinden bleiben, denen Wohlstand versprochen wurde, die aber mit verwüsteten, zerstörten Gebieten zurückgelassen wurden.“
Hat Shell die durch die Ölunfälle verursachte Verschmutzung beseitigt?
Eine Hauptursache für das Ausmaß der Verschmutzung war das Versäumnis, die ausgelaufenen Ölmengen zu beseitigen und die kontaminierte Umwelt ordnungsgemäß zu sanieren. In seinem Bericht aus dem Jahr 2015 mit dem Titel „Clean it up: Shells falsche Behauptungen über die Maßnahmen bei Ölunfällen im Nigerdelta“ untersuchte Amnesty vier Fälle, in denen die Verschmutzung noch viele Jahre nach den Unfällen sichtbar war.
Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass Shell seiner nach nigerianischem Recht bestehenden Verpflichtung zur Beseitigung und Sanierung von Ölverschmutzungen durch seine Infrastruktur nicht nachkam, wozu das Unternehmen unabhängig von der Ursache verpflichtet ist. Amnesty dokumentierte zudem Versäumnisse der nigerianischen Aufsichtsbehörde für Ölverschmutzungen, der National Oil Spill Detection and Response Agency. Die Behörde war nach wie vor unterfinanziert und stufte weiterhin einige sichtbar verschmutzte Gebiete als sauber ein.
Mark Dummett, Leiter des Bereichs Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International, erklärte dazu: „Shells Schuldzuweisungen können die Aufmerksamkeit nicht länger von den gebrochenen Versprechen und der vernachlässigten Infrastruktur ablenken. Solange Ölkonzerne ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, wird das Nigerdelta ein warnendes Beispiel für Gemeinden bleiben, denen Wohlstand versprochen wurde, die aber mit verwüsteten, zerstörten Gebieten zurückgelassen wurden.“
Was war der Shell-Vergleich von 2015?
Im Jahr 2015 einigte sich Shell mit der Gemeinde Bodo auf einen beispiellosen Vergleich in Höhe von 55 Millionen Pfund im Zusammenhang mit den Schäden, die durch die beiden Ölunfälle von 2008 verursacht wurden.
Der Vergleich umfasste:
- 35 Millionen Pfund für 15.600 Einzelpersonen
- 20 Millionen Pfund für die gesamte Gemeinde
Dies war ein wichtiger Sieg für die betroffenen Anwohner*innen. Doch es dauerte sechs Jahre und es bedurfte rechtlicher Schritte in Großbritannien, um eine Entschädigung zu erwirken.
Amnesty International betonte, dass eine Entschädigung allein nicht ausreiche. Um vollständige Gerechtigkeit zu erreichen, sei auch eine ordnungsgemäße Sanierung der verschmutzten Bäche, Sümpfe und Fischgründe erforderlich, damit die Menschen ihre Lebensgrundlagen wieder aufbauen könnten.
In welchem Umfang hat Shell Ölverschmutzungen im Nigerdelta eingeräumt?
Zahlen im Überblick
- Das Nigerdelta erstreckt sich über eine Fläche von rund 70.000 km² und ist damit etwa so groß wie Sierra Leone, die Republik Irland oder Sri Lanka.
- Shell hat 1.693 Ölunfälle im Nigerdelta in jüngster Zeit eingeräumt. (Daten von 2015)
- Shell hat eingeräumt, seit 2007 etwa 55,8 Millionen Liter Öl im Nigerdelta verschüttet zu haben – genug, um mehr als 22 olympische Schwimmbecken zu füllen. (Daten von 2015)
Amnesty hat gewarnt, dass das tatsächliche Ausmaß der Verschmutzung wahrscheinlich weitaus größer ist.
Warum haben Gemeinden Shell außerhalb Nigerias vor Gericht gebracht?
Mehrere Fälle wurden vor Gerichten im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden verhandelt, wo Shell seinen Hauptsitz hat.
Im Jahr 2020 veröffentlichte Amnesty International den Bericht „On Trial: Shell in Nigeria“, in dem mehrere Verfahren gegen Shell hervorgehoben wurden, darunter eine Klage von Esther Kiobel und drei weiteren Witwen der „Ogoni Nine“, die Shell für den Tod ihrer Ehemänner verantwortlich machten und dem Unternehmen Komplizenschaft mit dem nigerianischen Militär vorwarfen. Shell wies die Vorwürfe zurück, und das Gericht entschied schließlich, dass es nicht genügend Beweise gab, um die Ansprüche zu stützen.
Es gab weitere Fälle im Zusammenhang mit Umweltverschmutzung: Vier Landwirt*innen verklagten Shell in den Niederlanden. Trotz der Entschädigungszahlung, die aus dem Verfahren von 2015 resultierte, forderten die Einwohner*innen von Bodo Shell auf, seiner Verantwortung nachzukommen und den verschmutzten Bach, in dem sie früher fischten, zu sanieren. Zwei weitere Gemeinden, Ogale und Bille, reichten ebenfalls Klagen gegen Shell in London ein.
Diese Fälle haben wichtige Präzedenzfälle geschaffen, um multinationale Umweltverschmutzer zur Rechenschaft zu ziehen.
Wie hat der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs in den Fällen im Zusammenhang mit Shell entschieden?
Nach jahrelangen technischen Anhörungen, in denen Shell versuchte, die Fälle „Bille“ und „Ogale“ abweisen zu lassen, ebnete der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs im Jahr 2021 den Weg für eine Rechenschaftspflicht hinsichtlich der Ölkatastrophen in Nigeria.
Amnesty International begrüßte das Urteil und erklärte, es könne das Ende „eines langen Kapitels der Straflosigkeit“ bedeuten. Im selben Jahr kündigte Shell Pläne an, seine Onshore-Ölfelder und Vermögenswerte im Nigerdelta nach mehr als 60 Jahren hochprofitabler Geschäftstätigkeit zu verkaufen.
Warum ist der Rückzug von Shell aus dem Nigerdelta ein Menschenrechtsproblem?
Der Verkauf der Vermögenswerte durch Shell warf erhebliche menschenrechtliche Bedenken auf, da Shell versuchen könnte, sich seiner Verantwortung zu entziehen, die veraltete Infrastruktur zu sanieren und den Gemeinden Wiedergutmachung für vergangenes Unrecht zu leisten.
Im Jahr 2023 warnte Amnesty in dem Bericht „Nigeria: Tainted Sale?“ davor, dass der geplante Verkauf der nigerianischen Ölbeteiligungen durch Shell die Gemeinden nicht ohne Wiedergutmachung zurücklassen dürfe. Amnesty und Partnerorganisationen forderten, den Verkauf durch Shell zu stoppen, solange die Rechte nicht geschützt würden.
Anschließend kündigte Shell eine Vereinbarung zum Verkauf der Shell Petroleum Development Company (SPDC), ihrer nigerianischen Tochtergesellschaft, an eine Gruppe überwiegend nigerianischer Unternehmen an, die als „Renaissance Africa“-Konsortium agieren, für bis zu 2,4 Milliarden US-Dollar. Die nigerianische Ölregulierungsbehörde stellte für den Verkauf ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren zur Verfügung.
Amnesty warnte, dass dieser Prozess es Shell ermögliche, sich „aus der Affäre zu ziehen“, da das Unternehmen mit Milliarden davonkommen könne, während die Gemeinden mit verschmutztem Land, vergiftetem Wasser und ohne Gerechtigkeit zurückblieben. Die Organisation forderte, dass jede Veräußerung rechtsbasiert, transparent und gemeindeorientiert sein und Umweltstudien, eine Bestandsaufnahme der Vermögenswerte, garantierte Sanierungsmittel sowie Sicherheitsvorkehrungen für die Stilllegung umfassen müsse.
Was geschieht im Fall Ogale und Bille?
Im Jahr 2025 trat der Rechtsstreit der Gemeinden Ogale und Bille gegen Shell in Großbritannien in eine neue Phase ein, als im Februar 2025 vor dem britischen High Court die Verhandlung über Vorfragen begann.
Im März 2026 forderte Amnesty International eine Untersuchung, nachdem Bewohner*innen von Bille von sprudelndem Wasser, starkem Methangeruch und Gaslecks berichtet hatten, wobei sie darauf hinwiesen, dass die Lecks in der Nähe ehemaliger Shell-Infrastruktur auftraten. Beunruhigendes Videomaterial aus der Gemeinde vom 13. Mai 2026 zeigte, wie sich Methangas an einer Trinkwasserpumpe in Bille entzündete.
Weitere Untersuchungen von Amnesty International haben jedoch belegt, dass nicht das Handeln anderer, sondern das Versagen von Shell eine Hauptursache für die Umweltverschmutzung war. So untersuchte Amnesty International beispielsweise in dem Bericht „The True ‚Tragedy‘“ zwei große Ölunfälle, die wochenlang andauerten, bevor sie 2008 gestoppt werden konnten. Die Lecks entstanden durch schlecht gewartete Shell-Pipelines und beeinträchtigten das Leben und die Lebensgrundlagen von rund 69.000 Menschen in der Gemeinde Bodo.
Isa Sanusi, Direktor von Amnesty International Nigeria, erklärte dazu: „Der wahre Skandal ist Shells Streben nach Profit auf Kosten der Menschenrechte. Shell war bereit, weitere Umweltschäden in Nigeria in Kauf zu nehmen, die anderswo nicht toleriert worden wären, und jahrelange öffentliche Leugnungen werden nun durch die eigenen Dokumente widerlegt.“
Amnesty International wandte sich am 3. Juli 2026 schriftlich an Shell, um die Erkenntnisse im Zusammenhang mit den offengelegten Dokumenten mitzuteilen. Als Antwort auf den Bericht von Amnesty schrieb Shell: „Die Charakterisierung und Darstellung von Shell in Ihrem Schreiben entspricht nicht unserer Sichtweise. Shell bekennt sich zu Ehrlichkeit, Integrität und Respekt gegenüber den Menschen sowie zu einer ethischen und transparenten Geschäftsführung.“ Shell erklärt, dass die Ergebnisse nicht das „damals schwierige Betriebsumfeld im Nigerdelta“ widerspiegeln. Die vollständige Antwort ist im Bericht enthalten.
Die von den Ölkatastrophen betroffenen Gemeinschaften der Ogale und Bille lassen sich nicht zum Schweigen bringen. Ein Gerichtsverfahren in ihrer Klage gegen Shell soll 2027 stattfinden.
Was fordert Amnesty?
Amnesty International hat Shell wiederholt aufgefordert:
- die Ölverschmutzung zu beseitigen
- die betroffenen Gemeinden zu entschädigen
- die durch jahrzehntelange Ölförderung verursachten Schäden zu beheben
- das Recht der Menschen auf Wiedergutmachung zu achten
- auch nach dem Verkauf oder der Aufgabe von Teilen seines Geschäfts im Nigerdelta weiterhin Rechenschaft abzulegen
Die Ölkonzerne haben im Nigerdelta Milliarden verdient. Es darf nicht zugelassen werden, dass sie vergiftetes Land, verschmutztes Wasser und Gemeinden zurücklassen, die immer noch darum kämpfen, Gehör zu finden.
